Tamara Minder

An-ge-dacht

Türen klein und gross<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kirchenweb.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>205</div><div class='bid' style='display:none;'>1434</div><div class='usr' style='display:none;'>27</div>

Gnade statt Leistung
Ein alter rechtschaffener Mönch spürte seine letzten Tage kommen und machte sich auf, Gott entgegenzugehen. Als er zum Himmelstor kam, pochte er erwartungsvoll gegen die mächtige Tür, aber sie blieb verschlossen. Traurig ging er ins Kloster zurück und nahm sich vor: Du mußt noch strenger fasten, noch intensiver beten und noch länger schweigen!

Abgehärmt ging er ein Jahr später wieder den steilen Weg zum Himmel hinauf und klopfte. - Nichts rührte sich. "Was habe ich falsch gemacht?" dachte er. "Vielleicht, weil ich immer abgeschieden in meinen vier Wänden war und keinen einzigen Menschen bekehrt habe?" Jetzt zog er in unermüdlicher Verbissenheit von einem Marktplatz zum anderen, und sobald er auf Menschen traf, predigte er: "Kehrt um! Ändert euch! Tut Buße! Sonst könnt ihr dem Strafgericht Gottes nicht entfliehen!" - In froher Erwartung kehrte er nach einem Jahr zum Himmelstor zurück, sicher, jetzt eingelassen zu werden. Er schlug gegen die Pforte und - erbleichte: Nichts regte sich.

"Ach", schoß es ihm durch den Kopf, "ich habe ja immer nur gepredigt und habe den Dienst am Menschen vernachlässigt." Und er ließ sich in einem Krankenhaus als Krankenpfleger einstellen. Mit aller Zärtlichkeit, die seinen Händen geblieben war, wusch und pflegte er mit eisernem Willen ein Jahr lang die Kranken. - Dann schritt er voller Hoffnung den Berg hinan. Er klopfte, klopfte lauter - nichts rührte sich.

Traurig und enttäuscht setzte er sich neben das Tor. Er konnte nicht mehr. Da rief ihn die Stimme eines Kindes: "Komm, hilf mir", rief es aus einem Sandberg, "ich will hier einen Tunnel bauen, aber alles bricht immer wieder zusammen." Er freute sich über die Zuneigung des Kindes, das ihn, den alten Mann, rief, und selbstvergessen begann er mit dem Kind zu spielen. Er vergaß all seine Anstrengung und Verbissenheit, das Richtige zu tun... bis das Kind rief: "Schau mal, wie schön!" Er schaute in den feurig roten Sonnenball, der am Horizont ins Meer sank und dachte: "Ja, Gott, deine Welt ist so schön." Und er spürte, wie sein Herz ganz weit wurde voller Dankbarkeit.

Da knarrte die Himmelstür in den Angeln und öffnete sich, und der Mönch wußte, daß er jetzt eintreten durfte. (Quelle unbekannt)

Nicht ein christliches Leben der Leistungen und der Rekorde, das ich mit eisernem Willen und zäher Verbissenheit erfülle in seinem "Du sollst" und "Du mußt" kann uns vor Gott rechtfertigen. Es wird zu leicht ein moralinsaures Christentum, mit dem ich mir den Himmel verdienen will - bis mir die Puste ausgeht. Nein: Zunächst soll ich Vertrauen zu Gott haben, der mich trotz all meiner Grenzen und den oft leeren Händen annimmt und "Ja" zu mir sagt, so wie ich bin. Wenn ich dann barmherziger zu mir werde, beurteile ich auch die anderen barmherziger. Und von dem inneren Frieden, der in mir wächst, gebe ich dann wie selbstverständlich Güte weiter. Unermüdlich. Aber unter anderen Vorzeichen!

So dürfen wir von Gott her leben als die die beschenkt sind. Eine gesegnete Zeit.
Ihr Pfarrer Michael Lo Sardo
Bereitgestellt: 24.05.2018     
aktualisiert mit kirchenweb.ch