Tamara Minder

Lesegottesdienst für den 24. Mai 2020

ein-alter-kerker-396332d5-7d37-43ac-b7a5-a2cebcc4ece0<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kirchgemeinde-ammerswil.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>92</div><div class='bid' style='display:none;'>752</div><div class='usr' style='display:none;'>8</div>

Mit musikalischer Umrahmung durch unsere Organistin Christina Ischi

Exaudi = 27. Psalm, Vers 7: »(Herr,) höre (meine Stimme)«




Votum: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen. (Johannes 12,32)

Eröffnung: Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn,
der Himmel und Erde gemacht hat,
der Bund und Treue hält ewiglich
und der nicht preisgibt das Werk seiner Hände.

Amen

Musik: Between heaven and air


Psalm 27:
1 Der HERR ist mein Licht und mein Heil;
vor wem sollte ich mich fürchten?
Der HERR ist meines Lebens Kraft;
vor wem sollte mir grauen?
2 Wenn die Übeltäter an mich wollen,
um mich zu verschlingen,
meine Widersacher und Feinde,
sollen sie selber straucheln und fallen.
3 Wenn sich auch ein Heer wider mich lagert,
so fürchtet sich dennoch mein Herz nicht;
wenn sich Krieg wider mich erhebt,
so verlasse ich mich auf ihn.
4 Eines bitte ich vom HERRN, das hätte ich gerne:
dass ich im Hause des HERRN bleiben könne mein Leben lang,
zu schauen die schönen Gottesdienste des HERRN
und seinen Tempel zu betrachten.
5 Denn er deckt mich in seiner Hütte zur bösen Zeit, /
er birgt mich im Schutz seines Zeltes
und erhöht mich auf einen Felsen.
6 Und nun erhebt sich mein Haupt
über meine Feinde, die um mich her sind;
darum will ich Lob opfern in seinem Zelt,
ich will singen und Lob sagen dem HERRN.
7 HERR, höre meine Stimme, wenn ich rufe;
sei mir gnädig und erhöre mich!
8 Mein Herz hält dir vor dein Wort: /
»Ihr sollt mein Antlitz suchen.«
Darum suche ich auch, HERR,
dein Antlitz.
9 Verbirg dein Antlitz nicht vor mir,
verstosse nicht im Zorn deinen Knecht!
Denn du bist meine Hilfe; verlass mich nicht
und tu die Hand nicht von mir ab, Gott, mein Heil!
10 Denn mein Vater und meine Mutter verlassen mich,
aber der HERR nimmt mich auf.
11 HERR, weise mir deinen Weg
und leite mich auf ebener Bahn um meiner Feinde willen.
12 Gib mich nicht preis dem Willen meiner Feinde!
Denn es stehen falsche Zeugen wider mich auf und tun mir Unrecht ohne Scheu.
13 Ich glaube aber doch, dass ich sehen werde
die Güte des HERRN im Lande der Lebendigen.
14 Harre des HERRN!
Sei getrost und unverzagt und harre des HERRN!
Amen

Lesung: Johannes 16,5-15

Das Werk des Heiligen Geistes
5 Jetzt aber gehe ich hin zu dem, der mich gesandt hat; und niemand von euch fragt mich: Wo gehst du hin?
6 Doch weil ich das zu euch geredet habe, ist euer Herz voll Trauer.
7 Aber ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich weggehe. Denn wenn ich nicht weggehe, kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden.
8 Und wenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht;
9 über die Sünde: dass sie nicht an mich glauben;
10 über die Gerechtigkeit: dass ich zum Vater gehe und ihr mich hinfort nicht seht;
11 über das Gericht: dass der Fürst dieser Welt gerichtet ist.
12 Ich habe euch noch viel zu sagen; aber ihr könnt es jetzt nicht ertragen.
13 Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selber reden; sondern was er hören wird, das wird er reden, und was zukünftig ist, wird er euch verkündigen.
14 Er wird mich verherrlichen; denn von dem Meinen wird er's nehmen und euch verkündigen.
15 Alles, was der Vater hat, das ist mein. Darum habe ich gesagt: Er wird's von dem Meinen nehmen und euch verkündigen.
Selig sind die, die Gottes Wort hören und bewahren. Amen

Lied: 565, 1-4 Die güldene Sonne
(Melodie und Text siehe unten)

Predigt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus, der da ist und der da war und der da kommt.

Apg. 16, 23 - 34

Paulus und Silas im Gefängnis - Bild Gittertüre (siehe unten / Quelle unbekannt)
Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen.
Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füsse in den Block.
Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie.
Plötzlich aber geschah ein grosses Erdbeben, so dass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen, und von allen fielen die Fesseln ab.
Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offenstehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen.
Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier!
Da forderte der Aufseher ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füssen.
Und er führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde?
Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig!
Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren.
Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er liess sich und alle die Seinen sogleich taufen und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war.

Liebe Gemeinde!
Paulus und Silas, die beiden Apostel, die als erste das Evangelium von Jesus Christus nach Europa gebracht haben, sitzen in Philippi im Gefängnis.
Gleich bei der ersten Station ihrer Missionsreise hat man sie festgenommen. Obwohl man sie zu Unrecht angeklagt und misshandelt und ohne richtiges Urteil ins Gefängnis geworfen hat, hört man von ihnen keinen Ton des Klagens. Im Gegenteil:
Obwohl sie in das tiefste Loch im Kerker gesteckt wurden und ihre geschundenen Glieder in Ketten und im Block liegen, stimmen sie um Mitternacht ihr Gotteslob an. Alle im Gefängnis können es hören. Alle? Nicht alle! Denn einer schläft.
Der Kerkermeister schläft den Schlaf des Gerechten.
Er hat seine Arbeit getan: die Gefangenen sind ordnungsgemäss und sorgfältig weggeschlossen. Alle befohlenen Folterungen sind ausgeführt. Die beiden Neuen hatte er sich ganz besonders vorgenommen. Alles ist in Ordnung.
Er hat alles unter Kontrolle, er, der Herr des Gefängnisses, der Kerkermeister. (Pause)
Mit einem Mal wird er jäh aus dem Schlaf gerissen. Die Erde hat gebebt. Er reisst die Augen auf. Was ist passiert, was ist los?
Verwirrt schaut er sich um und sieht mit Entsetzen, dass die Zellentüren offen stehen. Bei Zeus und Apoll, wie konnte das geschehen?
Die Gefangenen sind weg. Man wird ihn zur Verantwortung ziehen. Sein Leben ist aus und vorbei. Panik ergreift ihn. Er hat alles zu verantworten.
Er sieht schon vor sich, wie es ihm ergehen wird. Der Zirkus die Löwen; der Hohn und die Schmach. Alles, nur das nicht!
Und so zieht er sein Schwert. Lieber will er sich selbst richten und damit seine Ehre wieder herstellen. Schon will er zustossen, da, plötzlich ein Schrei: Tu's nicht! Wir sind alle hier!
Können Sie sich den Schock dieses Mannes vorstellen? Innerhalb von Sekunden hatte er sich nach seinem Wertesystem überlegt, was ihm jetzt noch bleibt und was zu tun sei.
Und was ist? Die Gefangenen, die weg sein müssten, sind noch da. J
Jetzt erst kommt er zur Besinnung und ruft einen Wächter, ihm Licht zu bringen. Ungläubig stürzt er in die Zelle. Er will das Unfassbare selbst sehen. Als er Paulus und Silas sieht, wie sie ohne Fesseln in ihrer Zelle weilen, da bricht er vor ihnen zusammen.
Er bricht zusammen, weil in ihm und für ihn etwas zusammengebrochen ist! Sein ganzes Weltbild ist zerstört. Eins und eins sind nicht mehr zwei, sondern fünf.
Nicht: Zellentüren auf, niemand zu sehen oder zu hören gleich alle weg,-sondern alle noch da. Und dann verhindert einer der Gepeinigten auch noch, dass er, der Peiniger, sich tötet.
Was soll das bedeuten? Das widerspricht jeder normalen Handlungsweise. Eigentlich hätte der Aufseher die Türen jetzt nur wieder zu schliessen brauchen und alles wäre wieder in Ordnung gewesen.
Es ist ja auch alles in Ordnung und gleichzeitig ist nichts in Ordnung, weil die Ordnung in der eigentlich alles in Ordnung ist, da ja alle da sind, eben nicht mehr in Ordnung ist.
Im Kopf des Kerkermeisters überschlagen sich die Gedanken.
Plötzlich erkennt er, dass es nicht rechtens ist, andere Menschen einzusperren, zu foltern und zu quälen. Auf einmal gibt es für ihn keinen ehrenvollen Tod mehr in Ausübung der Pflicht, weil nichts an dieser Pflicht ehrenvoll ist, sondern nur schmutzig, schäbig und verachtungsvoll.
Noch nie zuvor sind ihm Menschen begegnet, die so anders sind.
Keine Beschimpfungen gegen ihn, als er sie in den Block gelegt hatte; kein Klagen, trotz der Schmerzen, die man ihnen zugefügt hatte.
Und dann das Unglaublichste, sie waren nicht geflohen, sondern haben ihn auch noch daran gehindert, sich etwas anzutun.
Der Kerkermeister spürt plötzlich tief in seinem Herzen seine eigene Verlorenheit. Da gibt es für ihn auf einmal keinen festen Boden mehr unter seinen Füssen. Er sieht wie ruhig und gefestigt, voller Vertrauen, frei und voller Liebe Paulus und Silas sind und sich ihm gegenüber verhalten.
Und er fragt sie: "Was muss ich tun, dass ich gerettet werde?"
Ich möchte die Frage anders formulieren: "Was muss ich tun, damit ich Befreiung erfahre? Denn ich sitze im Gefängnis. Ich, weil ich der Gefängnisaufseher bin und nichts erkannt habe. Wie kann ich so frei werden wie ihr?" (Pause)

Liebe Gemeinde! Ich denke, es kommt nicht von ungefähr, dass der Kerkermeister keinen Namen hat. Er steht eigentlich für uns alle. Äusserlich mögen wir frei sein, aber innerlich sind wir nicht weniger gefangen als er: "Gefangene unseres Gewordenseins und unserer Erziehung, Gefangene unserer beruflichen Strukturen oder unserer wirtschaftlichen Situation, Gefangene unserer Freundschaften und Feindschaften, Gefangene unserer Vorurteile oder alltäglichen Abhängigkeiten, Gefangene unserer Zeitplanung oder unserer Vorteilssuche, Gefangene unseres penetranten Rechthabenmüssens, unserer Unfähigkeit zu trauern und tendenziellen Schicksalsergebenheit."
Der Glaube an den einen Herrn, an Jesus Christus, hat den Kerkermeister befreit.
Es ist die Botschaft, dass Gott in seinem Sohn den Menschen in Liebe begegnet ist, und dass Gott in Jesus Christus nicht Gewalt mit Gewalt, sondern Gewalt mit Sanftmut, Hass mit Liebe und Tod mit dem Leben beantwortet.
Diese Botschaft hat im Leben des Kerkermeisters neue Massstäbe gesetzt. Da wo für ihn nur der Weg in den Tod geblieben war, dort tut sich der Weg in ein neues Leben auf. Der Glaube, dass auch ihm die Liebe Gottes gilt, ist von nun an die Grundlage seines Lebens; eine Grundlage, die für ihn sein Leben überhaupt erst lebenswert macht.
Das bekennt er mit seiner Taufe! Wo früher in seinem Leben Hass und Gewalt herrschten, möchte er jetzt Liebe und Verzeihen leben.
Er, der früher Wunden zufügte, möchte jetzt Wunden versorgen.
Der Kerkermeister lebt von dem, von dem wir als Christen alle leben. Täglich gilt uns aufs Neue der Zuspruch der Liebe Gottes. Aber immer wieder müssen wir uns die frohe Botschaft sagen lassen und gegenseitig zusprechen, um uns von ihr befreien zu lassen aus unseren selbst gemachten Gefängnissen.
Wir müssen immer wieder versuchen uns davor zu bewahren, unfrei zu werden. Wir wissen genau, dass uns das seltener gelingt, als wir es uns wünschen. Aber uns gilt die Zusage der Liebe Gottes immer: wir können nicht tiefer fallen, als in Gottes gnädige Hände.
Das ist es, was Paulus und Silas im Gefängnis so frei sein lässt, auch dort Gott zu loben.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen.

Musik: out here on my own



Fürbitte: (Eines der schönsten Gebete des Vertrauens! Dietrich Bonhoeffer, 19.12.1944)
Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das du uns geschaffen hast.

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört dir unser Leben ganz.

Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.


Unser Vater
Unser Vater im Himmel!
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft
und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Lied: RG 342, 1-6 Ach bleib mit deiner Gnade.
(Melodie und Noten siehe unten)

Segen:
Herr segne uns und behüte uns,
Herr lass dein Angesicht leuchten über uns und sei uns gnädig!
Herr, erhebe dein Angesicht über uns und gib uns Frieden.
Amen

Musik: forrest gump

Bereitgestellt: 23.05.2020     Besuche: 18 Monat 
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