Tamara Minder

Gedenken an Pfarrerin Sylvia Michel - eine bescheidene Pionierin

Gedenkfeier S. Michel_2 (Foto: zvg ref. Landeskirche Aargau)

Ihr Schaffen wurde in einem Gedenkgottesdienst gewürdigt.
Auf ihre Pionierrolle als schweizweit erste Frau im Einzelpfarramt und als europaweit erste Frau in einer Kirchenleitung hat sich Sylvia Michel nie viel eingebildet. Sie blieb bescheiden und lebte im Alter zurückgezogen. Als sie am 24. Juni 2025 starb, wurde sie im engsten Familienkreis bestattet. Einen grossen Gottesdienst ihr zu Ehren hatte sie sich nicht gewünscht. Doch ihr Wirken so sang- und klanglos in Vergessenheit geraten zu lassen, würde der Grösse ihres Lebenswerks nicht gerecht. Daher wird ein Jahr nach ihrem Tod nun eine Gedenktafel an der Reformierten Kirche Ammerswil – dem Ort ihrer ersten Pfarrstelle – angebracht. Bei einem Gedenkgottesdienst am 07. Juni 2026 wurde ihr Schaffen gewürdigt und die Tafel enthüllt.

«Eine Entwicklung hin zu mehr Übersicht. In Bescheidenheit»
Dieser Satz, mit dem Sylvia Michel am Ende eines Interviews ihr Lebensfazit zusammenfasste, wurde als Zitat auf der Gedenktafel eingraviert. Christoph Weber-Berg, der amtierende Kirchenratspräsident der Reformierten Landeskirche Aargau, griff dieses Zitat in der Eröffnung des Gedenkgottesdienstes auf: Die Übersicht oder die Aufsicht haben heisse auf Griechisch episkopéō. Aus diesem Wort sei die Bezeichnung für «Bischof» abgeleitet. Schaue man das Lebenswerk von Sylvia Michel an, könne man sagen, sie habe sich tatsächlich zu einer Bischöfin entwickelt – auch wenn sie diese Zuschreibung für sich selbst wohl abgelehnt hätte, sondern diese Rolle – ganz im reformierten Verständnis – immer mit Übersicht, Umsicht, Vorsicht und Weitsicht auf mehrere Schultern verteilt habe.

Eine weibliche Empfehlungsliste
Dass nach dem Tod von Sylvia Michel Kondolenzwünsche aus Osttimor / Indonesien eingegangen seien, zeige, wie inspirierend ihre Vorreiterinnenrolle gewesen sei und wie wichtig die Vergabe des 2007 initiierten Sylvia-Michel-Preises auch heute noch für Frauen in weltweiten Kirchenleitungen sei, sagte Rita Famos, Präsidentin der Evang.-ref. Kirche Schweiz (EKS). In ihrer Predigt griff sie die Gruss– liste aus dem Römerbrief (16, 1-7) auf, in der vier Frauen erwähnt werden – Diakonin Phoebe, Mitarbeiterin Priska, Unterstützerin Maria, sowie Apostelin Junia. Paulus, der an die ihm unbekannte Gemeinde in Rom schreibt, listet neben diesen vier noch weiteren Frauen auf, die ihm als Referenzen dienen. Frauen gehörten also von Anfang an als Autoritäten dazu. Die Türen, die sie unter anderem für Paulus öffneten, wurden später in der
Kirchengeschichte wieder geschlossen, was möglicherweise auch an der Bescheidenheit der Frauen gelegen habe. Rita Famos mahnte daher, Frauen sollten ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen. Mit dem Sylvia-Michel-Preis, der im Jahr 2027 erneut verliehen wird, wird dieses Licht sichtbar. Ebenso im neuen Buch «Leadershi♀ - Weibliche Perspektiven», welches herausgegeben von Rita Famos im September im TVZ-Verlag erscheinen wird. Das Lied «Gib uns Weisheit, gib uns Mut» griff diesen Gedanken im Anschluss an die Predigt nochmals auf.

Lebendige Erinnerungen an Sylvia Michel
Für die musikalische Umrahmung des Gottesdienstes wurden Lieblingsstücke von Sylvia Michel gewählt: die Lieder «Jesu meine Freude» und «Geh aus mein Herz und suche Freud» sowie Werke von Mozart, «Ave Verum», «Fantasie in d-Moll» und das «Rondo alla Turca», mit welchem Organist Valentin Valentiyev den Gottesdienst lebhaft, fröhlich und heiter ausklingen liess.

Im Anschluss an den Gottesdienst berichtete Monika Hirt, Pfarrerin in Zürich und ehemalige Präsidentin der Reformierten Kirche im Kanton Zug, von ihren Begegnungen mit Sylvia Michel: Beeindruckt habe sie, wie Sylvia Michel komplexe Themen und theologische Kernbotschaften in einem Satz zusammenfassen konnte und so gezielt wichtige Impulse in festgefahrene Diskussionen einbringen konnte. Diese Gabe wurde auch in einem Interview aus dem Jahr 2016 sichtbar, von welchem eine Videoaufzeichnung abgespielt wurde. So kam Sylvia Michel selbst zu Wort: Auf ihren Wunsch zur Zukunft der Kirche angesprochen, ging Sylvia Michel im Interview auf die heutige, schwierige Situation der Kirche ein und sagte dann: «Aber die Kirche sollte sich einen Pfifferling darum kümmern und fröhlich singen, mit denen, die da sind und nicht über die jammern, die nicht da sind. Wir sollten mehr Freude haben. Und Initiative. Trotzdem. Die Kirche stirbt nicht. Vielleicht muss sie ja jetzt ein paar Generationen ein bisschen unten durch, aber das Evangelium stirbt nicht. Das ist eine wunderbare Sache.» Den Frauen käme dabei eine besondere Rolle zu, denn «die Vitalität ist im Moment bei den Frauen.»

Gemeinsam mehr Freude haben
Nicht jammern, sondern gemeinsam feiern und Freude haben: Diese Anregung von Sylvia Michel nahmen die zahlreichen Vertreterinnen aus Kirchenleitungen anderer Kantonalkirchen, Weggefährtinnen von Sylvia Michel, ehemalige Konfirmandinnen und Konfirmanden, sowie Mitglieder der ehemaligen «Jungen Kirche» ernst und genossen bei mildem Sommerwetter den Apéro im Pfarrhof.

Claudia Daniel-Siebenmann





Bereitgestellt: 16.07.2026